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Fuehrung 13 11 2022 gross

Die Juden in Kuppenheim


Eine Urkunde aus dem Jahr 1433 bestätigt, dass es damals schon Juden in Kuppenheim gab. Die Landesfürsten duldeten die Juden im Lande wegen ihres Geldes. Sie besaßen Vermögen, konnten fleißig Geschäfte betreiben und zahlten Steuern.

 

Wenn es aber der Obrigkeit passte, dann wiesen sie die Juden rasch aus ihrer Heimat. Obwohl der Markgraf Philipp II. 1584 die Juden aus der Markgrafschaft vertrieb, durften einige in Kuppenheim bleiben, wohl wegen ihrer Bedeutung für den regional wichtigen Wochenmarkt in Kuppenheim.


Im Jahr 1611 lebten zehn jüdische Familien in Kuppenheim. Im 30jährigen Krieg von 1618 bis 1648 Krieg gab es keine Juden mehr in Kuppenheim.


Zur Zeit der Verwüstungen Badens durch die Truppen des Französischen Königs Ende des 17. Jahrhunderts, verbunden mit dem großen Stadtbrand 1689, ging die Zahl der jüdischen Familien von 10 auf zwei zurück.


Mit dem Judenanwalt Salomon Schweitzer entstand zu Beginn des 18. Jahrhunderts, also nach 1700, eine selbständige jüdische Gemeinde Kuppenheim. Nach 1714 wurde in der Judengasse (sie hieß später Hildastraße) auf dem FlurStück Nr. 130 die erste Synagoge (wahrscheinlich die älteste im Landkreis) erbaut. Sie wurde später ergänzt durch ein rituelles Bad. Dann kamen zwei Frauenbäder hinzu sowie ein jüdisches Schulhaus (1875 gab es 22 jüdische Schulkinder) und einen Gemeindeschuppen für den Leichenwagenwagen.
1801, also kurz nach der Französischen Revolution, lebten in Kuppenheim bereits 53 Juden. Sie lebten zumeist in bescheidenen Verhältnissen. Samuel Herz bildete hierbei eine Ausnahme. Er bildete die Grundlage für die Metzgerfamilien Lehmann und den Eisenwarenhandel Herz & Schlorch.

 

Der jüdische Friedhof besteht seit etwa 1694

 

1806 wurde der jüdische Friedhofsverband Kuppenheim begründet, aufgelöst 1939. Ihm gehörten die 15 jüdischen Gemeinden von Ettlingen bis ins Hanauerland bei Kehl an.

 

Die Judenemanzipation 

 

Der Weg der Juden vom Rand in die Mitte der Gesellschaft
Die Juden waren auch in Kuppenheim rechtlich, religiös und sozial eine unterdrückte Minderheit. Mit der Judenemanzipation erhielten sie nun zunehmend staatsbürgerliche Rechte. Abgaben wie Brunnen-, Draht-, Weide- und Wachtgeld wurden aufgehoben.


Sie durften sich in ihrem Geburtsort niederlassen. Und sie konnten jetzt auch deutsche Geschlechtsnamen annehmen wie Löb Kahn, Moses Lehmann oder Bernhard Kuppenheimer. Letzterer schuf in den USA die namhafte Männerbekleidungsfirma „Kuppenheimer Men’s Clothes“ in Chicago.


Um das Jahr 1800 wurde die jüd. Religionsgemeinschaft als Kirche geduldet.


Die Einführung der allgemeinen Schulpflicht für jüd. Kinder zeigte schnell Erfolg.


Mit der Verbesserung der rechtlichen Stellung der Juden erhöhte sich 1817 die jüdische Bevölkerungszahl in Kuppenheim auf 108, das waren immerhin 7,4 % der Einwohner insgesamt, auf heute hochgerechnet etwa 600 Personen, fast die halbe Bevölkerung von Oberndorf.


Die Juden waren zwar Staatsbürger, hatten jedoch kein Wahlrecht und kein Recht auf die Allmendnutzung wie der Erwerb von Bürgerholz.


Die Alltagssprache der Juden war überwiegend Jiddisch, eine mittelalterliche Sprache, die aus deutschen Dialekten entstanden ist und hebräische, romanische und slawische Einflüsse aufgenommen hat. Heute sprechen nur noch orthodoxe Juden Jiddisch.

 

Einige Beispiele sind…baldowern, (ausgekocht), Bammel (Angst haben),  betucht (reich),  dufte (sehr gut),  Ganove (Gauner),  Großkotz (Angeber),  Kaff (Ortschaft),  koscher (ordentlich),  Knast (Gefängnis),
Macke (Hieb, Stoß, Fehler),  malochen (schwer arbeiten),  mauern (verteidigen), 
mauscheln (regen wie ein Jude), meschugge (verrückt),  mies (schlecht),  Moos (Geld),  mosern (nörgeln),  Pleite (zahlungsunfähig sein, Bankrott,  Reibach (Gewinn),  Schmonzette (schmierige Erzählung),  Stuss (Unsinn),  Tacheles reden (Klartext reden),  Tennef (wertloses Zeug, Unsinn),  Tohuwabohu (Chaos)


Von diesem Zeitpunkt an lebten die Juden in Kuppenheim einträchtig neben den Christen. Es gab kein Ghetto wie andernorts. Sie lebten überwiegend im Bereich um die Synagoge (Judengasse), später in der Friedrich, Rhein-, Schloss- und Murgtalstraße.

 

Die Juden wurden zunehmend Teil der Stadtgemeinschaft: 1855 wurden sie zum Feuerwehr-dienst verpflichtet. David Kahn wurde als erster Jude in die Freiwillige Feuerwehr Kuppenheim aufgenommen. 1892 waren bereits 18 Juden Feuerwehrleute. 1878 wurde in Kuppenheim der Frauenverein zur Gründung und Aufrechterhaltung der Kleinkinderschule gegründet. Juden waren auch im Gesangverein und Musikverein, Semi Schlorch war 2. Vorsitzender des Musikvereins, bis ihn die Nazis absetzten.


Zur wirtschaftlichen Betätigung der Juden


Die Kuppenheimer Juden betätigten sich in der Mehrheit als Kauf- und Handelsleute, auch als Trödler, im Pferde- und Viehhandel, vereinzelt als Leder-, Kleider-, Frucht- und Mehlhändler. Gern gesehen waren sie auf Vieh- und Jahrmärkten.


Um die Mitte des 19. Jahrhunderts betrieben die Juden in Kuppenheim nahezu das ganze Geldverleihgeschäft. Der Religionslehrer Elias Eichstätter hatte eine Agentur einer Feuerver-sicherungsgesellschaft. Jakob Grünbaum, besaß eine Versicherungsagentur.


Für Straßen beim neu errichteten Schloss Rastatt zahlten die Kuppenheimer Juden Pflastergeld. In der Ritterstraße liegen heute noch die großen Sandsteinplatten, die von Samuel Herz und anderen bezahlt wurden.


Isack Herz betrieb als Gast- und Judenwirt die „Krone“, David und Gabriel Kahn führten das Gasthaus „Zum Lamm“.

Acht jüdische Metzger und Schächter führten in Kuppenheim ihr Gewerbe aus.


David Herz eröffnete ein Metzgergeschäft, das bis in die vierte Generation besteht und von den Nazis aufgelöst wurde.


Aus dem Eisen- und Spezereihandels Samuel Herz entstand die regional bedeutende Eisenwarenhandlung Herz & Schlorch.


Juden in Kuppenheim betrieben insbesondere Vieh- und Pferdehandel, vereinzelt auch Tabakhandel und Landwirtschaft. Da der Viehhandel Ende des 19. Jahrhunderts zurückging, mussten viele Kuppenheimer Juden auswandern, so z.B. Mitglieder der Familie Kaufmann (im Tabakhandel tätig), oder sie gingen in größere Städte wie Karlsruhe, Mannheim oder Rastatt.


Ludwig Kuppenheimer
zieht mit Ehefrau Bertha 1854 von Kuppenheim nach Pforzheim. Mit seinem Namen Louis Kuppenheim begründet er eine bedeutende Schmuckfirma und exportiert in die ganze Welt, zumeist nach Frankreich und in die USA. Die Kinder betätigen sich ebenfalls als Unternehmer mit Schmuck und Lederwaren. Zwei Söhne sind in der Kommunalpolitik und werden hervorragende Ärzte. Rudolf Kuppenheim verhilft als geachteter Frauenarzt etwa 19.000 Pforzheimer Kindern auf die Welt.

 

Kuppenheim 23.10.2025_______________________________________________________________________________________________

 

„Das hätten wir sein können"

Berührende Führung mit dem AK Stolpersteine durch das „jüdische Kuppenheim"


Kuppenheim - So kann man eine Führung auch gestalten: Statt Jahres- und Opferzahlen zu verlesen und die anonymen Nazis zu verdammen, schuf Heinz Wolf eine Stimmung des Mitgefühls für die jüdischen Bürger von Kuppenheim. Da in der Stadt noch Wohnhäuser stehen, konnte an Ort und Stelle eine besondere Nähe zu den Menschen entstehen, die Nachbarn gewesen waren und binnen weniger Jahre Opfer des Holocausts wurden.

Führung 22.10.2020 KE

Doch zunächst fand sich am Sonntag bei schönstem Herbstwetter ein gutes Dutzend Interessierte am Synagogenplatz in der Löwengasse/Ecke Hildastraße ein. Hier hatte sich schon Musiklehrer Gerold Stefan mit seiner Klarinette aufgestellt, um die Gruppe mit verschiedenen Klezmer-Stücken zu unterhalten.

 

Heinz Wolf vom Arbeitskreis Stolpersteine erläuterte zunächst mithilfe von Bildern die Geschichte der Juden in Kuppenheim. Nach der Ersterwähnung 1433 bildete sich eine kleine Gemeinde, die anwuchs, als das Städtchen 1580 Marktrecht beantragte. Denn Juden wurden für Handel und Geldverleih, überhaupt für Wirtschaftsbeziehungen benötigt. Dass sie auch Steuern zahlten, wie das Pflastergeld, zeugt von Vermögen; die Sandsteinplatten in der Rastatter Schilfstraße sollen vom Pflastergeld der Juden bezahlt worden sein, in Kuppenheim verhielt es sich ähnlich. Eine Synagoge wurde gebaut, daneben eine Judenschule und eine Remise für den Leichenwagen, mit dem Verstorbene zunächst zum Brunnen auf der Friedrichstraße gebracht wurden zwecks ritueller Reinigung; dann ging es weiter zum jüdischen Friedhof außerhalb der Stadt.

 

In den 1840er Jahren wanderten auch viele jüdische Kuppenheimer aus, meist nach Amerika. In der Kaiserzeit verließen die jüdischen Geschäftsleute die enge Judengasse (heute Leopoldgasse) und gründeten großräumige Geschäfte in der Rhein- und der Friedrichstraße. 1933 gab es zehn jüdische Geschäfte: Eisenwaren, Manufakturwaren, Metzgerei.

Führung 22.10.2020 KE 1

Dass Juden wie selbstverständlich auch im Ersten Weltkrieg mitkämpften, davon zeugt ein Kriegerdenkmal auf dem jüdischen Friedhof, das Josef Kahn gestiftet hatte.

 

Ab 1933 begann die angeordnete Ausschaltung der jüdischen Mitbürger, die Parole „Kauft nicht bei Juden" entzog ihnen die wirtschaftliche Grundlage. Einigen Familien gelang die rechtzeitige Auswanderung, vor allem junge Leute ließ man ziehen und zog ihr Vermögen ein. Als am 10. November 1938 SA-Leute aus dem Raum Gaggenau den jüdischen Friedhof schändeten, die Synagoge anzündeten und jüdische Geschäfte plünderten, war es schon zu spät. Die 16 verbliebenen Menschen mussten am 22. Oktober 1940, ohne vorherige Ankündigung, in Windeseile packen, 50 Kilo und 100 Reichsmark durften sie mitnehmen. Immerhin wurden sie zum Versammlungsplatz vor der Turnhalle geführt, ohne - wie in Rastatt - bespuckt zu werden. Stillschweigend schauten die Kuppenheimer hinter den Vorhängen zu.

 

Wer am Sonntag mitging, musste unwillkürlich denken: „Das hätten wir auch sein können, meine Familie, meine Eltern und Kinder." Hier wurden Menschen deportiert, mit denen man zuvor über Generationen zusammengelebt hatte.

 

6500 Juden aus Baden, der Pfalz und dem Saarland wurden nach Gurs transportiert, wo sie in einem aufgelassenen Flüchtlingslager menschenunwürdig untergebracht wurden. Viele erkrankten und starben auf dem Transport oder im Lager, die Übrigen wurden später in Vernichtungslager gebracht. Einigen gelang mithilfe von Franzosen oder Spaniern die Flucht. Von den letzten Kuppenheimer Juden haben fünf überlebt: Max und Fanny Dreyfuß, Ilse und Ludwig Schlorch sowie Ludwig Kahn.

 Führung 22.10.2020 Gerold Stefan 4

Der seit 2010 bestehende Arbeitskreis Stolpersteine stellt sich zwei Aufgaben: das Gedenken wachzuhalten und den Anfängen zu wehren. Neben der Verlegung von Stolpersteinen sollen Vorträge und Konzerte die Erinnerung an jüdisches Leben in Kuppenheim wachhalten - und so lebendige Führungen wie die vom Sonntag.

 

Heinz Wolf führt durch das „jüdische Kuppenheim"- Foto: Irmgard Stamm


Badisches Tagblatt BT DIENSTAG, 27. OKTOBER 2020 Von Irmgard Stamm

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